Wir schreiben den 03. Juli 2009. Es ist einer dieser heißen, sehr schwülen Sommertage, bei dem man selbst vom "Nichts-Tun" schweißgebadet ist. Bereits um 8:00 Uhr morgens fragt man sich an der Arbeit, wie man diese unerträgliche Hitze über den ganzen Tag ertragen soll? Die Gedanken drehen sich eigentlich nur darum, welchen See oder welches Freibad man schnellstmöglich anfahren soll. Mit Freunden bei lockerer Summer Music am See chillen, ins Kühle Nass springen und nebenbei den Kohlegrill anschmeissen, um bei einem gemütlichen Feierabend-Bier leckeres Grillfleisch zu verzehren. An einem solchen Tag wäre das eine sinnvolle Entscheidung gewesen, um die Sommersonne zu genießen.

Tja, die Betonung liegt bei wäre gewesen! Die Leute unter uns, die in der Schule aufgepasst haben, wissen, dass der Konjunktiv Wünsche beschreibt, die nicht eingetreten, also irreal sind. Die Realität ist aber anders: unser lieber Carlo hat sich mal wieder etwas ganz tolles ausgedacht und uns (Sassor, Nico und mich) zum Marathon in Marburg angemeldet! Klasse, gefühlte 50°C im Schatten und wir laufen 42,195 km durch die Gegend. Es sei erwähnt, dass bis dato keiner von uns vorher einen Marathon absolviert hatte, wir also Frischlinge waren. Also, perfekter Tag, um die Marathon-Karriere zu starten.

Nico, Carlo, Sassor und Meik wenige Minuten vor dem Start
Nico, Carlo, Sassor und Meik wenige Minuten vor dem Start

Immerhin wurde das Event einige Monate vorher angekündigt, so dass wir uns zumindest geistig und körperlich darauf vorbereiten konnten. Um eines vorweg zu nehmen: nein, ich habe keine Marathon-Zeitung gekauft und mich mit täglichen Trainingseinheiten wochenlang vorbereitet. Schließlich sollte der Spaß auch nicht zu kurz kommen, so dass ich mich mit ein, zwei ca. 12 km Läufen fit gehalten hatte. Also alles recht locker.

Der Ernst fing an, als ich mit Carlo zusammen auf Fehmarn eine 22 km Strecke gelaufen bin. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das erste mal eine solch lange Strecke absolviert und ehrlich gesagt war ich froh, dass ich es wieder bis nach Hause geschafft habe. Eine Woche vor dem Marathon dann die Generalprobe: Sassor und ich sind quälend lange 30 km gelaufen.

 

Bei herrlichem Sonnenschein startete der Marathon in der Marburger Oberstadt und die ersten Kilometer verliefen durch die vielbesuchte Innenstadt. Hey, so ein Marathon kann ja richtig Spaß machen: viele Menschen, tolle Stimmung und eine coole Umgebung machten das Laufen richtig angenehm. Ein paar Späßchen mit den Zuschauern und unseren mitgereisten Fans (Pia, Claudia und Shaggy) gehörten natürlich dazu. Die Show darf schließlich nicht fehlen!

Sassor und ich haben aus unserem "Trainingslager" gelernt und unser Tempo bewusst gedrosselt. Es schien also alles nach Plan zu laufen und die große Angst vor dem bösen Marathon legte sich schnell. Nach einer knappen Stunde erreichten wir die 10km Marke und auch der Zeitplan stimmte.

Alles noch locker: Sassor und Meik in guter Stimmung
Alles noch locker: Sassor und Meik in guter Stimmung

Ein Viertel der Marathon-Strecke war absolviert, die vielen Zuschauer am Straßenrand sorgten für gute Stimmung und wir fühlten uns körperlich gut. Und dann doch der erste Schock! Ich wunderte mich schon, warum kurz nach der 11km- direkt die 22km-Markierung stand. Als dann wenige Meter später noch eine 30er-Markierung erschien, wurde unser Albtraum Gewissheit: nein, wir müssen die Strecke nicht nur in zwei, sondern in drei Runden absolvieren! Ich habe es früher in der Schule schon immer gehasst, Langstrecken in monotonen 400 Meter-Runden zu laufen. Es ist nicht unbedingt förderlich, wenn man körperlich Federn lässt und der Kopf sagt: "Boah ist das langweilig, die Strecke kenne ich schon".

Tja, Sassor und ich tauschten kurz Blicke aus und liefen stillschweigend weiter. Es war alles gesagt! Übrigens: ich habe während des Marathons noch nie so wenig gesprochen und doch so viele Informationen ausgetauscht :-)

Der erste Schock war kaum verdaut da erreichte uns die nächste psychologische Bremse. Runden laufen ist ein Manko, ein anderes sind flache, schnurgerade und geteerte Strecken! 5km Feldstrecke gerade aus, um diese dann wieder parallel zurückzulaufen. Und hier sagt der Kopf: "Das ist nicht nur langweilig. Bis dahinten willst Du hin und dann wieder zurück? Digga, warum bleibst Du nicht gleich hier?".

Aber wir wollen nicht so viel meckern und schließlich sind wir Männer. Vielen Dank noch einmal an die vielen Familien an den Verpflegungsstellen in Gisselberg, den betrunkenen Jugendlichen an der Grillhütte und dem verrückten spanischen Karnevalisten, die uns richtig motiviert haben und dem öden Lauf auf den Feldwegen etwas Farbe gegeben haben.

Das war es aber schon mit den guten Nachrichten, denn Sassors Magenprobleme sorgten nach ca. 17km für den ersten Stop. Sassor, ich weiß nicht, welcher Business Man oder Börsenspekulant Dir diesen Tipp gegeben hat, aber große Geschäfte macht man nun wirklich nicht in gehockter Stellung im Weizenfeld! Keine 5km weiter gab es dann direkt den nächsten Boxenstopp: was im ersten Anlauf nicht klappte, wurde dann auf einer öffentlichen Toilette erfolgreich abgeschlossen. Ich hatte in der Zwischenzeit die Möglichkeit, als rasender Reporter live per SMS über die aktuellen Geschehnisse zu berichten oder mit Willi über den allgemeinen körperlichen Zustand zu fachsimpeln. Zitat Willi: "Der Carlo ist nicht gut drauf und der Nico, der Idiot, der soll die lange Hose ausziehen!". Das ist Willi live, so wie wir ihn kennen ;-)

Nach der Hälfte der Strecke: die Kräfte lassen langsam nach...
Nach der Hälfte der Strecke: die Kräfte lassen langsam nach...

Nur zu gerne wären wir nach Kilometer 21 mit den Halbmarathon-Läufern in das Ziel eingelaufen. Bildlich kann man sich die Situation wie folgt vorstellen: auf der rechten Abzweigung die glücklichen Halbmarathon-Läufer, deren Grinsen im Gesicht ausdrückten, dass es nur noch wenige Meter bis ins Ziel sind und die Strapazen endlich ein Ende haben werden. Auf der linken Abzweigung Sassor und ich mit dem Wissen, dieselbe Strecke ein zweites Mal laufen müssen. Wenn wir zu dem Zeitpunkt gewusst hätten, dass wir noch fast 2 1/2 Stunden vor uns haben und wir krum wie Bananen ins Ziel laufen werden, wir hätten uns wahrscheinlich hier doch für den anderen Weg entschieden.

Ab Kilometer 21 baute der Körper kontinuierlich ab. Mittlerweile wurde es auch dunkel und die meisten Zuschauer zog es in die Innenstadt und Kneipen, so dass die Strecke allmählich menschenleer wurde. Ehrlich gesagt schaltete ich meinen Körper bereits bei Kilometer 25 in den "Survivor-Modus" um. Das heißt: Kopf ausschalten, sich einreden, dass Schmerzen etwas ganz besonderes sind und glücklich machen, und sich eine Überlebensstrategie ausdenken.

Für letzteres blieb nur eine Möglichkeit übrig, nämlich sich das Leben schön zu reden. So ertönten dann, während wir auf dem öden, schnurgeraden und asphaltierten Feldweg entlang liefen, Motivationssprüche wie "Wenn wir erst mal die 30km erreicht haben, dann zeigen wir den Leuten, was die bösen 5 km von 30-35 sind: nämlich Pustekuchen" oder "Ich bin topfit! Wir laufen nach den 42km noch mal locker aus!". Ich muss hier zugeben, dass wir an dem Punkt schon unseren Verstand verloren haben.


Und so quälten uns die immer länger werdenden Kilometer weiter und das Lauftempo wurde immer langsamer. Mittlerweile mussten wir uns schon überlegen, ob wir wirklich an den Erfrischungsständen anhalten sollten oder nicht, denn wie beim Auto mit Anlaufproblemen hieß die Devise: Lass Rollen und ja nicht anhalten!

Körperlich schon fast am Ende und noch keine 30km hinter uns
Körperlich schon fast am Ende und noch keine 30km hinter uns

Mittlerweile war es stockdunkel geworden und wir lagen bei Kilometer 31 mit 3:15h noch gut in der Zeit. Doch was dann geschah, habe ich bis dato noch nie erlebt. Bereits körperlich am Ende, müde, erschöpft und willenlos mussten wir noch eine weitere Runde drehen. Unser Tempo hat sich inzwischen so verlangsamt, dass uns Oma Erna wahrscheinlich im Gemüsegang des Penny-Markts überholt hätte! Wir sind in den letzten 10 Kilometern so stark eingebrochen, dass wir fast die doppelte Zeit benötigten und am Ende erst nach 4:50h ins Ziel reinschlichen. 

Also krochen wir zum dritten Mal den elend langen Feldweg entlang. Die Stimmung war... naja... ich würde sagen nicht gerade feierlich, gepaart mit ein klein wenig Kurzatmigkeit, welche einen Hauch von Hecheln hatte. Sassor war von dieser umwerfenden Landschaft sowas von sprachlos, dass er mir selbst nach mehrmaligen Fragen und vielen Kommunikationsversuchen einfach nicht mehr geantwortet hat. Es herrschte Funkstille zwischen uns und das war auch besser so: jeder Schritt schmerzte. Unter den Füßen, zwischen den Fußzehen, unter den Fußnägeln, auf den Füßen, an der Ferse... sorry, ich muss hier abbrechen, es würde sonst den Rahmen dieses Artikels sprengen!

Jeder von uns beiden hätte wahrscheinlich aufgehört, wenn er alleine unterwegs gewesen wäre. Aber wir haben uns vor dem Lauf vorgenommen, gemeinsam ins Ziel kommen. Und versprochen ist versprochen! Also schlichen wir uns unbmerkt an den Sanitätern vorbei und zählten Kilometer für Kilometer, Minute für Minute, Muskelkrampf für Muskelkrampf.

Und irgendwann, nach langer Zeit kamen wir auch zu der gefährlichen 35km Marke, vor der uns so viele gewarnt hatten. Bevor wir aber in die heiße Phase starteten, kam etwas Unverhofftes in unseren Lauf: "Nico, alte Käsekrokette, was machst Du denn hier, Pause?!". "Nene, ich habe nen Krampf in der Wade und krieg den nicht mehr raus!". Verdammt, es hat Nico erwischt, unsern durchtrainierten Kämpfer und Bundeswehrsoldat. Das zeigt, wie mörderisch und heimtückisch die Marathonstrecke war. Sollte uns das zu denken geben?! Sollten wir nicht einfach auch hier bleiben?! Nein, irgendeiner in uns sagte "Komm, beweg Dein Hintern!".

So wer jetzt am heimischen Bildschirm sagt "Mensch, nur noch 7 Kilometer bis ins Ziel, das ist doch nicht so viel!" der soll in der Hölle schmoren! Denn genau so haben sich diese sieben Kilometer angefühlt. Es gab keine Stelle mehr am Körper, die schmerzfrei war und nicht ins Bett wollte. Jeder Kilometer zog sich so lang hin, als würde man Gletschern beim Schmelzen zuschauen. Keine Menschenseele war mehr am Straßenrand zu sehen und jeder Kieselstein birgte die Gefahr zum Stolpern, weil man einfach die Beine nicht höher heben konnte!

Es ist keine Lüge, aber wir haben ernsthaft überlegt, auf den letzten Metern aufzugeben. Wir waren so fertig, dass ich Vorschläge unterbreitet habe, dass wir vielleicht gehen oder einfach mal eine Pause einlegen sollten (wir wären wahrscheinlich nicht mehr aufgestanden). Doch unser sprachloser Sassor, mein treuer und stillschweigender Wegbegleiter, nahm all seine Kraft zusammen und haute mir kurz und knapp um die Ohren: "LAUF WEITER!". 

Also liefen wir... ähmm... krochen wir den letzten Kilometer. Es ist unverstellbar, aber dieser letzte Kilometer hat so viel Leid über uns gebracht wie die 41 Kilometer zuvor. Aber wir bewegten uns vorwärts, Meter für Meter, Schritt für Schritt. Die Gedanken wechselten nun sekündlich von Siegestaumel und Lazaret und wir konnten das Ziel schon riechen.

Und dann endlich! Wir konnten das Ziel sehen und immerhin waren noch viele Menschen vor Ort, die für super Stimmung sorgten. Wir waren so glücklich, es nach dieser langen Qual doch geschafft zu haben, und so bogen wir in Richtung Stadion ab. Obwohl wir einer der letzten waren (Plätze 144 und 145 von 170) wurden wir herzlichst mit den Worten "Ihr habt es gleich geschafft!" begrüßt. Ja, es war einfach ein tolles Gefühl und ... "He, was?! Wie GLEICH geschafft, dass Ziel ist doch direkt um die Ecke?". "Ja, Ihr habt es gleich geschafft, Ihr müsst nur noch einmal um den Sportplatz.".

Ich weiß nicht, ob Sassor in diesem Augenblick realisiert hat, was uns die nette Dame zu sagen versuchte. Sassor befand sich in einem Zustand einer willenloser Gehorsamkeit. Er hätte mit mir wahrscheinlich auch bedenkenlos nackt den Himalaya bestiegen. Er wäre auch mit mir alleine in den Kampf gegen die Azteken gezogen, wenn ich es ihm befohlen hätte! Ich aber habe nur eine dunkle, menschenleere Stadionrunde und weitere 400 Meter vor mir gesehen. Gerne wiederhole ich mich in dieser Situation: "Es ist unverstellbar, aber die letzten 400 Meter haben so viel Leid über uns gebracht wie die 41,8 Kilometer zuvor".

Das war das Erlebnis Nachtmarathon 2009 in Marburg, denn auch die letzten 400 Meter haben wir noch (im gebückten Laufstil) überstanden! Ich habe nach dieser langen Geschichte nach einer passenden Schlusspassage gesucht, aber manchmal sagen Bilder mehr als Tausend Worte:

Sassor und Meik im Ziel des Nachtmarathons 2009 in Marburg
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Sassor und Meik im Ziel des Nachtmarathons 2009 in Marburg
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Sassor und Meik im Ziel des Nachtmarathons 2009 in Marburg
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Es mag sich vielleicht etwas dramatisch angehört haben und sicherlich wurde an der einen oder anderen Stelle ein klein wenig übertrieben, aber zusammenfassend kann ich sagen, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hat. Sicherlich war es anstrengend, aber keineswegs gefährlich oder gesundheitlich schädigend. Im Gegenteil: wir haben eine Erfahrung mehr gemacht, in der wir die Grenzen unseres Körper erlebt haben.

Und natürlich habe ich ein tolles Erlebnis mit Freunden gemacht, über das wir noch in Jahren reden werden!

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